Weihnachten – eine Erfolgsgeschichte

Autofahrt am 1. Advent. Das Radio läuft. Und was wird in der Sendung von den Zuhörern gewünscht? Weihnachtslieder am laufenden Band. Da stellt sich dem katholisch geprägten Menschen schon die Frage, warum es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dem Advent und Weihnachten. Andererseits: Gerade im Advent laden wir Freunde und Verwandte zu Kaffee, Tee und Plätzchen oder Stollen ein. Wir bummeln durch die Stadt, genießen die Atmosphäre der Weihnachtsmärkte – und vielleicht auch den ein oder anderen Glühwein. Wir mögen das Weihnachtliche.

Neben diesem Streben nach Besinnlichkeit ist der Dezember einer der betriebsamsten Monate des Jahres. Geschenke kaufen, Weihnachtsessen mit den Kollegen, Wichteln im Verein, in vielen Branchen ein äußerst betriebsames Jahresschlussgeschäft … Manch einem geht dabei die Puste aus, und er oder sie fragt sich, ob das alles so seine Richtigkeit hat.

Ganz klassisch sind Advent und Weihnachten zwei Seiten einer Medaille. In der stillen Nacht, der Heiligen Nacht feiern die Christen die Geburt Jesu. Und damit beginnt die Weihnachtszeit. In diese Zeit gehört alles, was sein Dasein preist – vom Feiern bis zum Weihnachtslied. Die Zeit davor dient der Vorbereitung auf dieses große Ereignis. Buße, Besinnung, Beichte sind Schlagworte, die traditionell hierhin gehören. Einst gab es vor Weihnachten sogar eine Fastenzeit. Im Laufe der Jahre wurden rund um Weihnachten jedoch immer mehr Erfolgsmodelle entwickelt, die es den Menschen zunächst erleichterten, zunehmend aber auch richtig schwer machten, bis zum 24. Dezember zu warten. Die Folge: Die Vorbereitungszeit, also der Advent, wird immer mehr zum eigenständigen Lebensgefühl.

Das Warten erleichtern

Es scheint, als wurde den Menschen vor allem im 19. Jahrhundert die Zeit des Wartens zu lang. So hat Johann Hinrich Wichern 1839 den ersten Adventskranz erfunden. Er kümmerte sich damals um verwaiste Kinder. In der Adventszeit las er ihnen jeden Tag eine Geschichte vor und zündete dabei eine Kerze an. Diese Kerzen standen auf einem großen Holzrad. Insgesamt waren 20 kleinere Kerzen und vier große Kerzen. An den Wochentagen wurden die kleineren Kerzen zwischen den vier großen Kerzen angezündet; an den Sonntagen eine der großen Kerzen. Dies sollte den Kindern zeigen, dass das Haus in der Vorbereitung auf Weihnachten immer heller wird und wir an Weihnachten feiern, dass Jesus Licht in die Welt gebracht hat.

Die Idee des Adventskranzes sprach sich damals bei den Menschen schnell herum. Schon bald hatten vor allem evangelische Familien ebenfalls einen Adventskranz zu Hause. Doch weil ein Kranz mit 24 Kerzen ziemlich groß ist, bastelten die meisten Familien einen kleineren Kranz mit vier Kerzen. Sie zündeten jeden Sonntag des Advents eine Kerze an. Die Katholiken stellten erst viele Jahre später Adventskränze auf. Bis heute hat sich dieser Brauch in seinem Grundgedanken gehalten, wenngleich der klassische Adventskranz eine Vielzahl von Varianten erhalten hat.

Auch der Adventskalender ist nicht mehr aus der Vorweihnachtszeit wegzudenken. Es gibt ihn in riesiger Vielfalt für Kinder, aber auch für Erwachsene und seit ein paar Jahren sogar für unsere vierbeinigen Lieblinge. Auch er hat eine relativ junge Tradition. Die eigentlichen Ursprünge des Adventskalenders gehen auf ein lutherisch geprägtes Umfeld zurück. Während die Katholiken im 19. Jahrhundert zu den morgendlichen Rorate-Messen in die Kirche gingen, fanden die adventlichen Andachten der Protestanten zuhause statt, wo die gesamte Familie zusammen saß, um Bibelstellen vorzulesen, zu singen und zu beten.

Da eine Zeitspanne für Kinder eine recht abstrakte Größe ist, fingen Eltern ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts an, sich Gedanken zu machen, wie man den Kindern die Adventszeit begreiflich machen und ihnen gleichzeitig auch das Besondere der Zeit näherbringen könnte. Manche Eltern begannen, an jedem Tag eines von 24 religiösen Bildern an Türen, Wände oder Fenster zu hängen, andere malten 24 Kreidestriche an Schranktüren oder Türzargen. Die Kinder durften dann jeden Tag einen Strich wegwischen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand der erste gedruckte Adventskalender. Der Pfarrerssohn und Verleger Gerhard Lang entwarf 1903 einen vorweihnachtlichen Ausschneidekalender. Die ausgeschnittenen Bilder konnte man auf einen zweiten Bogen mit Bibelversen und Sprüchen kleben. Angeregt durch den Erfolg dieses Kalenders entwickelte er noch weitere Kalendervarianten, so auch ein sogenanntes Christkindlshaus, das mit Schokolade gefüllt werden konnte.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die Adventskalender immer günstiger und nun auch für jedermann erschwinglich. Heute ist er ein Massenprodukt, dessen christliche oder weihnachtliche Motive vielfach durch weltliche ersetzt wurden. Allerdings versuchen viele Eltern, dieser Massenherstellung etwas entgegenzusetzen und dem Besonderen wieder mehr Raum zu geben, indem sie für ihre Kinder selbst Kalender basteln.

Die bekannteste Form des Kalenders hat 24 Türen, von denen vom 1. bis zum 24. Dezember jeden Tag eine geöffnet wird. Weniger bekannt ist dagegen der liturgische Kalender, der jeweils am 1. Adventssonntag beginnt und dessen Türen am 6. Januar enden. Im skandinavischen Raum zündet man in der Adventszeit eine Kerze an, die eine Skala mit 24 Teilstrichen aufweist und Tag für Tag ein Stück weiter abbrennt. Auch sogenannte Weihnachtsuhren bestehend aus einer runden Scheibe mit 12 bzw. 24 Unterteilungen gibt es, bei der ein Zeiger jeden Tag ein Stück weiter gestellt werden darf.

Erste kommerzielle Ansätze

Parallel zur Entwicklung des Adventskranzes und der Adventskalender kamen findige Köpfe auf den Gedanken, dass der Dezember auch Grundlage für ein kommerziell einträgliches Geschäft sein könnte. So wurde im späten 19. Jahrhundert in Lauscha, im Thüringer Schiefergebirge, die Idee geboren, diesen Monat mit Blick auf das Weihnachtsfest für den Verkauf von Weihnachtsbaumdekoration zu nutzen. Dies war die Geburtsstunde der Weichnachtskugeln.

Die Produktion entstand um das bis heute berühmte, deutsche Glaszentrum Lauscha herum, welches viele Jahre lang der hauptsächliche Produktionsort von Christbaumdekoration war. Firmen, die bisher funktionales Glas für Labore, Apotheken, Fenster gefertigt hatten, erkannten den Trend genauso wie Hersteller von Kinderspielzeug wie Murmeln oder Zubehör für die Puppenproduktion. Wie in einem alten Auftragsbuch zu lesen ist, wurden bereits 1847 die ersten Baumkugeln aus Glas in verschiedenen Größen hergestellt.

Der eigentliche Siegeszug der Weihnachtskugeln begann jedoch erst 1880, als Kaufhausgründer Frank Winfield Woolworth die Christbaumkugeln entdeckte und in die USA importierte. Dort waren sie bald so beliebt, dass die gesamte Produktion ausgeweitet werden musste und sie seitdem einen bedeutenden Wirtschaftszweig in Leuscha darstellt.

Bis zum ersten Weltkrieg wurden die begehrten Weihnachtskugeln ausschließlich dort hergestellt. Erst kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges begannen Hersteller im Ausland mit der Produktion von Glaskugeln.

Der zweite Weltkrieg beendete den Siegeszug der deutschen Baumanhänger in die Welt und vor allem in die USA, die verstärkt selbst zu produzieren begannen. Hier kamen die ersten Plastikkugeln auf den Markt, die mit gefrosteten Oberflächen den Glasbällen bald zum Verwechseln ähnlich sahen. Diesen wurde der Schimmer von der Innenseite aus verliehen, indem innerhalb der fertigen Kugeln Silbernitrat geschwenkt wurde, ein Verfahren, dass Justus von Liebig bereits in den 1850ern entwickelt hatte. Die alternativen Plastikkugeln wurden ab 1950 nach Deutschland importiert, wo sie wegen ihrer Sicherheit als Familienvariante des Christbaumschmucks vermarktet wurden. Dabei kamen auch die Bemalungen der Kugeln auf, die nun oft detaillierte Szenen zeigten.

Bis heute sind die Kugeln aus der Traditionsstadt Lauscha die beliebtesten und begehrtesten weltweit. Die unterschiedlichsten Glaskugeln werden noch immer in traditioneller Handarbeit in verschiedenen Größen, Farben und Mustern hergestellt. Dafür ist die Stadt im Thüringer Wald nicht nur in Deutschland sondern in der ganzen Welt berühmt und beliebt und lockt jedes Jahr Touristen von nah und fern zum traditionellen Kugelmarkt.

Grundbedürfnisse nicht vernachlässigen

Schon wesentlich früher als im 19. Jahrhundert ging es um ein wesentliches Grundbedürfnis: das Essen. Vor 700 Jahren, also im Mittelalter, erblickte der Dresdner Stollen das Licht der Welt. Damals war er allerdings noch weit entfernt von dem, was wir uns heute darunter vorstellen. Am Anfang nämlich, haben die Bäcker ihn eher als Fastengebäck für die Klöster nur aus Mehl, Wasser und Hefe gebacken. In der Fastenzeit, denn dazu gehörte die Adventszeit in der katholischen Kirche, war es nicht erlaubt, Zutaten wie Butter und Milch hinzuzufügen.

Es ist gut nachzuvollziehen, dass der sehr trockene Stollen nicht gerade die Leibspeise der Menschen wurde. Das änderte sich, als auf Bitte des Kurfürsten von Sachsen und dessen Bruder Albrecht, Papst Innozenz VIII im Jahre 1491 mit dem sogenannten Butterbrief das Verbot aufhob. Nun wurde der Stollen schnell zu einem begehrten Gepäck von Königen und Kurfürsten und später auch von jedermann.

Nach und nach kamen immer mehr Zutaten hinzu. Heute besteht der Dresdner Christstollen aus einer Komposition von Mehl, Wasser, Hefe, Butter, Zitronat, Orangeat, süßen und bitteren Mandeln, Rosinen, Zimt und einer Hülle von Puderzucker, die beim Genuss keine Rücksicht auf die Kleidung nimmt. Nach dem Backen muss er zwei bis vier Wochen bei bestimmter Temperatur und Luftfeuchtigkeit liegen, bevor er angeschnitten werden darf.

Seit 1996 ist der Original Dresdner Christstollen sogar marken- und patentrechtlich geschützt. Nur etwa 130 Bäcker dürfen ihn in dieser traditionellen Art herstellen. Sie unterwerfen sich strengen Richtlinien. In jedem Jahr gibt es durch eine Jury eine Prämierung der besten Stollen. Jeder Bäcker in Dresden hütet dann auch das Geheimnis seiner Komposition und ist stolz auf das Familienrezept.

Das und vieles mehr rund um Advent und Weihnachten lockt heute jährlich rund 85 Millionen Menschen zu den ca. 2.500 Weihnachtsmärkten in Deutschland. So eine Schätzung des Deutschen Schaustellerbundes aus dem Jahr 2016. Mit einem geschätzten Gesamtumsatz von drei bis fünf Milliarden Euro im Jahr 2012 sind die Weihnachtsmärkte auffälligstes Merkmal der Adventszeit in den Innenstädten und von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung.

Gleichwohl sind sie keine Erfindung der Neuzeit. Sie gehen auf jahrhundertealte Traditionen zurück. Im späten Mittelalter hat man Märkte, meist eintägige, abgehalten, damit sich die Bevölkerung mit Lebensmitteln für den Winter eindecken konnte. Im 14. Jahrhundert boten dann auch Handwerker, z.B. Spielzeugmacher, Korbflechter oder Zuckerbäcker, ihre Waren für das Weihnachtsfest an. Schnell kamen auch noch Stände mit Leckereien wie geröstete Kastanien, Mandeln oder Nüssen hinzu.

Uralte Tradition des Marktes

Ca. 1310 wurde der erste Nikolausmarkt in München urkundlich erwähnt. Langsam breiteten sich Märkte in der Vorweihnachtszeit, zuerst als Fleischmärkte, im gesamten deutschen Raum aus. Ab der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Märkte zu einem festen vorweihnachtlichen Brauchtum.

Die meisten Märkte fangen Ende November, oft vor Totensonntag, an und ziehen sich durch die Adventszeit. Manche Märkte finden auch noch in der Weihnachtszeit statt. Genau genommen müssten fast alle Märkte Adventsmärkte heißen, aber der Name Weihnachtsmarkt hat sich dafür etabliert. Es gibt aber auch Traditionsmärkte mit anderen Namen wie den Dresdner Striezelmarkt, den Christkindlmarkt in München, die Nürnberger oder Augsburger Christkindlesmärkte, den Wiesbadener Sternschnuppenmarkt oder den Neubrandenburger Weberglockenmarkt.

Das Warenangebot geht von Kunsthandwerk über Spielzeug, Kleidung, Weihnachtsdekoration und vieles mehr. Auch Fahrgeschäfte findet man auf den meisten Weihnachtsmärkten. Lebensmittel stehen heute stark im Vordergrund, teils zur Verköstigung, teils zum Verkauf: z.B. Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen oder Lübecker Marzipan.

Der Kölner Weihnachtsmarkt ist wohl der am stärksten besuchte Markt in Deutschland. Jährlich kommen über vier Millionen Menschen (2011) dorthin. Mit rund 150 Ständen zählt er jedoch nicht zu den größten Märkten. Die gibt es in, Leipzig, Stuttgart und Dortmund. Berlin bietet etwa 80 Weihnachtsmärkte, und die beliebtesten sind in Nürnberg, Aachen, München und Dresden. Auch im Ausland gibt es viele Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild.

Und dann, am 24. Dezember, ist es endlich soweit. Wir sehen es vor unserem inneren Auge und in ganz vielen Nachbildungen: der Stall, Maria, Josef, das Jesuskind, das auf Heu und Stroh in der Futterkrippe liegt. Ochs und Esel, die Hirten, die mit ihren Schafen kommen und später die heiligen drei Könige, die den neugeborenen König besuchen. Ein idyllisches Bild ist es, das sich die Menschen jedes Jahr an Weihnachten zaubern.

Theologen und Historiker bezweifeln allerdings, dass dieses Bild der dann ja doch irgendwie heimelig anmutenden Krippenlandschaft mit den Verhältnissen der damaligen Zeit übereinzubringen ist. Der Stall war wohl eher ein Fels.

Unser Bild der idyllischen Krippe basiert vielmehr auf einem lebendigen Krippenspiel. Dieses geht vermutlich zurück auf den Heiligen Franz von Assisi, wie uns sein Biograph Thomas von Celano beschreibt. Am Weihnachtstag des Jahres 1223 stellte Franz von Assisi im Wald von Greccio eine Krippe aus lebendigen Figuren auf. Ihm lag grundsätzlich viel daran, die frohe Botschaft den Menschen damals mit allen Sinnen begreifbar und erfahrbar zu machen. Da lag es nahe, das Ereignis der Heiligen Nacht nachzuempfinden, indem es Menschen nachspielten.Bis heute spielen vor allem Kinder die Weihnachtsgeschichte nach; eine Krippe, ob klein oder groß, gehört (noch) in jeden Haushalt. Was wir Christen in dieser Nacht feierlich erinnern, schwindet jedoch mehr und mehr aus dem Bewusstsein der Menschen. Der Heilige Franziskus würde uns heute zurufen: Geht in die Wälder und spielt das Geschehen, das Geschenk der Heiligen Nacht nach, erlebt es mit Leib und Seele, mit allen Sinnen, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist.

Damit ist dann auch der richtige Zeitpunkt für die Weihnachtslieder gekommen. Wobei in die Heilige Nacht selbst eigentlich nur eines gehört: Stille Nacht, Heilige Nacht…


An dieser Geschichte haben mitgewirkt: Cornelia Derichs, Petra Grüttner, Renate Kloss, Dorothea Marcinek, Walburga Nauen und Ulrike Rosellen l Fotos: ©exclusive-design - stock.adobe.com; Jan Christopher Becke- stock.adobe.com; Walburga Nauen, Uwe Rieder

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