Es geht auch ohne

Von Cornelia Derichs, Petra Grüttner, Renate Kloss, Dorothea Marcinek, Walburga Nauen

Erst kommt die Fastenzeit, dann das Osterfest. Und es liegt voll im Trend, ab Aschermittwoch enthaltsam zu leben. Nichts zu essen, wie Jesus es gemacht hat, ist jedoch die Ausnahme. Lieber suchen sich die Menschen ihren persönlichen Schweinehund, den sie überwinden möchten.

Schokolade ist ein solcher Schweinehund. Cornelia Derichs, 35, Gemeindeassistentin in der Pfarrei Maria Frieden in Krefeld hat es vor ein paar Jahren gewagt:

„40 Tage ohne Schokolade, so lautete mein Ziel. Eine sehr reiche, spannende Erfahrung. Nach der ersten Fastenwoche reizten mich die Schokoriegel, die in dieser Zeit in der Wohnung herumlagen, schon gar nicht mehr so sehr. Erschreckend fand ich, festzustellen, wie oft wir uns doch eher gedankenlos und achtlos einen Riegel Schokolade in Mund und Backen schieben.

Ganz ohne Zucker wäre ja ungesund, dachte ich jedoch recht bald und suchte mir einen Ersatz-Zuckerlieferanten: Kekse. Tee ohne Gebäck ist ja auch nur ein halber Tee.

Doch schnell fand sich eine neue Hürde fürs Schoko-Fasten: Gebäck ohne Schokolade, ohne Schokostückchen oder Schokoboden oder ohne Glasur ließ sich nur schwer finden. Vor allem, wenn dann noch Abwechslung in die Keks-Auswahl kommen sollte, war das schon eine ganz schöne Herausforderung.

Wer jetzt denkt, ohne Schokoladenkauf spart man eine Menge Zeit – Fehlanzeige! Dann hätte ich auch gänzlich auf Gebäck verzichten müssen...

Immerhin stellte ich nach einiger Zeit fest, ohne die braune, süße Verführung lebte es sich gut, vor allem, nachdem Bergfest, also Halbzeit, in der Fastenzeit war. In der letzten Fastenwoche wuchs die Vorfreude auf das Schokocroissant, das mich am Ostermorgen beim Festfrühstück erwarten würde. Meine Geschmacksnerven erinnerten sich an das leckere Süß. Und so wurden die letzten Tage, auf der Zielgeraden sozusagen, dann nochmal sehr schwer.

Stolz und Vorfreude

Umso größer waren die Freude und der Stolz, es an Ostern ,geschafft‘ zu haben. 40 Tage ohne Schokolade! Durchhalten und mein Ziel verfolgen, Verzichten und Verzicht üben. Eine bereichernde Erfahrung.

Und das erste Schokocroissant, auf das ich mich am Ende so mit Heißhunger gefreut hatte? Nach der ersten Hälfte war ich satt. Da freuten sich die anderen am Tisch. Und ich staunte und staune noch heute, dass ,40 Tage ohne‘ geht und guttut, obwohl ich heute die braune, süße Verführung Schokolade noch schwerer aus meinem Speiserepertoire wegdenken kann; egal ob als Nervennahrung oder als Genussmittel.“

Die Fastenzeit der Christen, auch österliche Bußzeit genannt, dauert vierzig Tage. Solange war Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten zum Fasten in der Wüste. Sie beginnt mit dem Aschermittwoch, am Mittwoch nach Karneval. Dieses Jahr ist es der 14. Februar, der zugleich auch Valentinstag ist. Am Aschermittwoch erhalten die Christen das Aschenkreuz zur Erinnerung an ihre Sterblichkeit und damit auch die Aufforderung: „Kehr um und glaube an das Evangelium“.

Um Jesus Christus nachzufolgen, kann die 40-tägige Fastenzeit als eine Zeit in der Wüste betrachtet werden. Es geht darum, allen Versuchungen standzuhalten – wie er es getan hat. Die Zahl 40 ist aber auch eine biblische Zahl: die Zahl der vollen Reife, der Prüfung und Erziehung. Fasten dient der Reinigung des Geistes, der Seele und des Körpers, um sich würdig auf das bevorstehende Fest vorzubereiten und um Gott näher zu kommen. Ein weiterer tiefer Sinn der Fastenzeit ist die Verbesserung des Lebens eines Jeden, die Veränderung der Gedanken, Wörter und Taten zum Guten hin.

Zeiten des Verzichts gibt es in vielen Religionen

Eine besonders große Rolle spielt das Fasten bei den orthodoxen Christen. Es soll vor allem das geistliche Leben unterstützen und ein Hilfsmittel sein, den Körper und den Geist zu beruhigen und sich mehr dem Gebet zu widmen. Gebet und Fasten dienen so einer verstärkten Besinnung auf Gott und der Bekämpfung unserer geistigen Schwierigkeiten. Es gibt verschiedene Fastenarten, dabei sind Fleisch, Eier und Milchprodukte nie erlaubt. Und in manchen Fastenzeiten gibt es weder Öl noch Wein.

Die wichtigste der vier großen Fastenzeiten ist auch für die orthodoxen Christen die 40-tägige Fastenzeit vor dem Osterfest. Aber auch vor dem Weihnachtsfest fasten die orthodoxen Christen. Außerdem fasten sie an jedem Mittwoch im Gedenken an den Verrat des Herrn im Rat der Juden sowie an jedem Freitag wegen der Kreuzigung des Herrn. Es gibt einen eigenen Fastenkalender für die orthodoxe Kirche.

Die Tradition des Verzichts und des Fastens gibt es in allen Weltreligionen. Es ist fester Bestandteil der Religionen. Die Gläubigen sollen sich und die Beziehung zu Gott neu in den Blick nehmen, mit sich, den Mitmenschen und mit Gott ins Reine kommen. Dabei soll das Fasten helfen.

Im Islam verschiebt sich die Fastenzeit

Im Islam gehört das Fasten zu den fünf Säulen der Religion und ist im Koran festgeschrieben. Im neunten Monat des islamischen Mondjahres – im Ramadan – verzichten die Gläubigen 29 oder 30 Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und sind sexuell enthaltsam. Aufgrund des Mondkalenders verschiebt sich die Fastenzeit jedes Jahr um zwei Wochen, sodass sie sowohl in den Sommer als auch in jede andere Jahreszeit fallen kann. Dies erschwert das Fasten unter Umständen sehr, denn auch im Sommer darf bei großer Hitze nichts getrunken werden.

Vom Fasten ausgenommen sind Kranke, Schwangere, Kinder und Reisende. Wer nicht fastet, ist verpflichtet, Speisen und Almosen an Arme zu geben. Mit dem türkischen Zuckerfest endet der Ramadan.

Judentum: Klare Regeln im Vorschriftenbuch

Die jüdischen Fastentage liegen vor den jüdischen Festen wie zum Beispiel Purim (Errettung des Jüdischen Volkes durch Königin Ester) oder Pessach (Erinnerung an die Befreiung der Juden aus der Sklaverei der Ägypter). Alle erinnern an Geschehnisse in der Geschichte des Judentums, wie z.B. an die Zerstörung von Salomons Tempel in Jerusalem und dem damit verbundenen babylonischen Exil.

Am Versöhnungstag Jom Kippur ist strenges Fasten vorgeschrieben. Es darf weder gegessen noch getrunken werden. Außerdem dürfen die Gläubigen nichts tun, was den Prozess der Läuterung der Seele unterbrechen könnte. Auch Auto fahren, Baden, Schminken usw. ist verboten. Diese Regeln stehen im jüdischen Vorschriftenbuch „Schulchan Aruch“. Erst wenn drei Sterne am Himmel leuchten, darf das normale Leben weitergehen.

An sieben Tagen vor Pessach verzichten die Juden auf gesäuerte Speisen, sie erinnern sich damit an den Auszug aus Ägypten.

Teil-Verzicht und Eigeninitiative

Im Buddhismus gibt es keine strengen Fastenzeiten. Buddha lehnte die Selbstkasteiung ab und damit auch die vollkommene Entbehrung aber auch die Völlerei. Zur Vorbereitung auf die Meditation essen die Buddhisten weniger und wollen damit Körper und Geist reinigen. Ganz verzichten sie nicht auf Essen, weil das vom Meditieren ablenken würde. Nur Mönche und Nonnen fasten manchmal zur inneren Reinigung.

Im Hinduismus gibt es sehr viele verschiedene Götter und Traditionen. Es gibt in dieser Religionsgemeinschaft keine Regeln für Fastenrituale. Jeder Hindu entscheidet für sich, wann und für was er fasten will. Die Gründe für das Fasten sind vielfältig. Es kann z.B. die Buße für etwas sein, die Reinigung der Seele, um etwas für sich oder andere zu erbitten. Selbst aus politischen Gründen kann gefastet werden. Das berühmteste Beispiel dafür ist Mahatma Gandhi, der so auf Missstände hingewiesen hat.

Vielfältige Fastenarten

Fasten heißt doch „nichts essen“, oder? Ganz richtig ist das nicht, denn es gibt viele andere Möglichkeiten zu fasten. Man kann in der Fastenzeit auf Alkohol, Zucker, Kaffee, Fleisch, Zigaretten oder auf das Autofahren verzichten. Und in Zeiten, in denen uns WhatsApp, Facebook, Instagram etc. voll im Griff haben, kann auch ein Verzicht auf Medien angebracht sein. Das Thema ist so vielseitig und auch für ein breites Publikum interessant, dass sogar der Fernsehsender RTL in seinem Online-Ratgeber Tipps zum Thema Fasten gibt. Am einfachsten bringt es eine alte geistliche Weisheit auf den Punkt: Wer auf Erlaubtes verzichten kann, dem wird es auch nicht schwer fallen auf Unerlaubtes zu verzichten.

Beim Heilfasten steht die Gesundheit im Mittelpunkt

Das Heilfasten (von Otto Buchinger, der 1920 eine Heilfastenklinik eröffnete) ist z.B. sehr verbreitet, wird aber primär aus gesundheitlichen Aspekten oder zur Steigerung des Wohlbefindens heraus begonnen. Wissenschaftlich belegt kann es die Beschwerden bei rheumatischen Erkrankungen lindern.

Beim Heilfasten bereitet man sich mit Einführungstagen vor. Dann wird an fünf Tagen gefastet und man nimmt in der Zeit nur Kräutertees, Gemüsebrühe und Obstsäfte zu sich und trinkt bis zu drei Liter Flüssigkeit am Tag. Diese Fastentage werden durch Yoga oder leichte sportliche Bewegung begleitet. Dann folgt das Fastenbrechen mit einem Apfel und Gemüsesuppe. Im Anschluss daran kommen Aufbautage mit leichter Kost. Das Heilfasten gehört mit zu einer Gruppe von anderen Fastenarten wie Früchtefasten, Intervallfasten, Basenfasten oder kann auch mit dem Fastenwandern verbunden werden. Durch die gleichzeitige Betätigung an der frischen Luft wird der Effekt des Fastens verstärkt.
Es sollte jedoch immer unter ärztlicher oder anders geschulter Betreuung stattfinden.

Das Autofasten stammt aus den 90er Jahren

Jedes Jahr gibt es die Aktion Autofasten mehrerer Bistümer und Landeskirchen in Deutschland und benachbarter Länder. Und das bereits seit 21 Jahren. Dabei soll es nicht um das komplette Verbieten des Autofahrens gehen, sondern darum, sich bewusst zu Fuß oder mit dem öffentlichen Nahverkehr auf den Weg zu machen. Wenn es gar nicht anders als mit einem Auto geht, sich vielleicht mal ein Elektroauto zu leihen oder mit Fahrgemeinschaften die Wege zu fahren.

Man kann sich zu dieser Aktion auf der Internetseite www.autofasten.de oder www.autofasten-im-bistum-aachen.de anmelden und registrieren lassen. Dadurch können die Organisatoren erkennen, wie viele Kilometer in der Fastenzeit von den Teilnehmern gespart wurden. Verschiedene Veranstaltungen und Energie-Exkursionen runden das Angebot ab und werden von den Fasten-Teilnehmern immer gut besucht.

Allein im Jahr 2017 haben die Autofastenden ca. 14.000 Kilometer in der Fastenzeit gespart. Wenn man diese Zahl zugrunde legt und nur allein die Höhe der gesparten Spritkosten ausrechnet oder das nicht ausgestoßene CO², erhält man beachtliche Zahlen. Den vorgeschlagenen Richtwert der Europäischen Kommission für PKW von 130 g CO²-Ausstoß pro Kilometer als Berechnungsgrundlage genommen, wurden beim Autofasten der Aktion 2017 1.812,97 kg CO² eingespart. Dies als Zeichen zur Bewahrung der Schöpfung zu sehen oder als eine Umsetzung christlichen Fastens, ist doch ein gutes Signal.

Verzicht auf Elektrogeräte mindert Reizüberflutung

Sehr viele Menschen sind beruflich auf einen PC angewiesen und kommen nicht umhin, diesen auch in der Fastenzeit zu nutzen. Wenn man ihn dann zumindest im privaten Bereich abschaltet, wird viel Zeit für schöne Dinge gewonnen. Gleiches gilt fürs Mobiltelefon. Das kann man zum Beispiel nur morgens und abends kurz anmachen, um zu schauen, ob etwas sehr Wichtiges eingegangen ist. Entweder erledigt man das dann, verschiebt es oder entscheidet sich, es im persönlichen Gespräch zu klären. Es gibt keine störenden Klingeltöne mehr und man spart Strom, da das Gerät sicher nicht mehr so häufig aufgeladen werden muss. Ein Verzicht auf Fernseher oder Radio lässt einen zur Ruhe kommen und vielleicht ein Buch zur Hand nehmen oder ein schönes Gespräch führen.

Fasten nicht um jeden Preis

Insgesamt ist die Fastenzeit eher ein Gewinn als ein Verzicht. Ihre Bedeutung zeigt sich auch darin, dass es eine Fastenordnung der katholischen Kirche gibt, welche die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 1986 in Anschluss an das römische Kirchenrecht festgelegt hat. Diese sieht vor, dass alle Katholiken vom vollendeten 21. bis zum begonnenen 60. Lebensjahr zum Fasten verpflichtet sind.

Ausnahmen gelten nur, wenn das Fasten nicht ohne schwere Nachteile einzuhalten ist. Das kann per definitionem der Fall sein:

• aufgrund von Körperschwäche,
• aufgrund von Armut,
• aufgrund von Anstrengung.

Auch Renate Kloss, stellvertretende Vorsitzende des Pfarreirates von Maria Frieden und auch sonst in vielen Ämtern in der Pfarrei aktiv, wollte es probieren. Nicht ganz so streng, da sie und ihr Mann altersbedingt nicht mehr zum Kreis der Fasten-Verpflichteten gehören. Aber immerhin doch mit einem fastengerechten Speiseplan:

„Fastenzeit, was koche ich heute? Das kann ja nicht so schwer sein, denke ich mir, es gibt doch die Medien. Im TV lockt uns eine Küchenschlacht nach der anderen mit guten Ratschlägen, was gesund und lecker ist, schnell zubereitet, wenig Zeit und Geld kostet. Dort werden an einem Tag bis zu achtzehn Kochsendungen angeboten. Was sehe ich mir denn nun an? Wo hole ich mir Tipps?

Nach langem Suchen stelle ich fest, eine wirkliche Hilfe sind die Küchenschlachten nicht. Ich habe keine Lust mehr. So klappt das mit dem Fasten wohl nicht.

Mir kommt ein neuer Gedanke: Ich trete in den Küchenstreik. Nein, ich koche nichts! Klar, ist ja auch Fastenzeit! Prima Ausrede.

Mir geht es dabei gar nicht so schlecht: Pralinen aus dem Schrank geholt, Beine hoch, leise Musik und ein lustiges Buch. Ach, Klasse!

Irgendwann meldet sich mein Gewissen. Okay, ich esse Pralinen, aber der Rest der Familie muss hungern. Um dem Anblick weinender Kinder und eventueller Scheidungsabsichten meines Mannes zu entgehen, räume ich die Pralinen fort und gehe in die  Küche. Dann setzte ich eben auf meinen eigenen Rezeptfundus.

Die Worte meiner Lieben nach dem Essen, ,es war sehr, sehr lecker‘, streicheln meine Seele und nun genehmige ich mir eine Praline. Fasten ist das nicht gerade.“

Da mag bei Renate Kloss zwar gefühlt ein Verstoß gegen die Fastenregeln vorliegen. Aber eben nur gefühlt. Denn die katholische Kirche kennt in ihrer Fastenordnung nur zwei gebotene Fasttage: den Aschermittwoch und den Karfreitag. An diesen beiden Tagen sollen die Christen nicht nur fasten, also nur ausgewählte Fastenspeisen zu sich nehmen (kein Fleisch, Fisch ist ersatzweise erlaubt), sondern auch abstinent leben. Der Rest ist freiwilliges Fasten. Und wer die 40 Tage der freiwilligen Fastenzeit durchzählt, stellt fest, dass die Sonntage von der Fastenzeit ausgenommen sind. Schließlich sind sie die Tage des Herrn und die wöchentlichen Feiertage der Christen.

Maria Frieden
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